Erfahrungen und Gedanken aus meinem Lernalltag


Die Gedanken, die Sie hier lesen, sind als buntes Puzzle zu verstehen. Es sind Auszüge aus unzähligen Gesprächen mit Kindern, Jugendlichen, Eltern, Lehrpersonen und Fachleuten. Und es sind Erfahrungen aus meinem Arbeitsalltag.

Vielleicht beantwortet das eine oder andere Thema eine Frage, die Sie gerade beschäftigt.  Das würde mich freuen. Vielleicht tauchen weitere Fragen auf, dann zögern Sie nicht, mir diese zu stellen. In manchen Texten werden Sie durchaus ein Schmunzeln oder Augenzwinkern meinerseits heraushören. Weil ich finde, Menschen und Situationen ernst zu nehmen, schliesst Humor und Glück nicht aus.

Ich wünsche Ihnen viel Spass beim Lesen.

Herzlich
Anita Ganzoni

Mit Verständnis und Vertrauen zu Motivation

Sie ist die Nummer 1 unter den Lerntechniken: die Motivation. Doch oft können sie Jugendliche nicht auf Knopfdruck anwenden. Um es zu verstehen, lohnt sich ein Abstecher zu den Big Five.

Leider verhält sich die Motivation oft wie eine Diva, gerade in der Pubertät: Sie kommt und geht, wie es ihr passt, reagiert sensibel auf Erwartungen und sie weiss manchmal selbst nicht genau, was sie will. Wer darauf wartet, dass sie ihn einfach so beflügelt, ist ihr ausgeliefert. Und so höre ich Jugendliche oft sagen: «Ich habe Null Motivation.» Übersetzt heisst es aber vielfach etwas anderes: Ich habe Angst, es nicht zu schaffen. Ich weiss nicht, wie ich diesen Berg bewältige. Man verlangt zu viel von mir. Ich stehe in meiner Entwicklung gerade ganz an einem anderen Ort. Probleme belasten mich.

Was sich hinter diesen Aussagen verbirgt, lässt sich womöglich im Gespräch mit dem Betroffenen herausfinden. Vorausgesetzt, er vertraut uns und unseren Absichten. Manchmal braucht es gar nicht viel, um Motivation auszulösen. Hierzu ein Beispiel aus der Praxis: «Wie kommst du mit dem neuen Mathethema zurecht?», frage ich den Schüler. Schimpfend antwortet er: «So en huere Seich!» Ich bitte ihn, mir das Thema zu erklären, gemeinsam suchen wir nach Informationen, Mustern, analysieren... Plötzlich verändert sich seine Haltung, er sieht Zusammenhänge, findet es spannend, die Lösung erscheint ihm logisch. Es gibt nichts mehr hinzuzufügen, er hat verstanden und freut sich darüber.

Hier ging es gar nicht um fehlende Motivation, sondern vielmehr um die Einstiegshürde. Der Schüler hatte den Zugang nicht auf Anhieb gefunden und nahm dadurch eine ablehnende Haltung ein. Bleibt er darin haften, entstehen immer mehr Wissenslücken, Übungsmöglichkeiten können nicht genutzt werden. Es entsteht eine Negativspirale, obwohl er absolut fähig wäre, den Inhalt zu verstehen und Interesse dafür aufzubringen. Motivation hängt immer auch vom Gefühl der Selbstwirksamkeit ab. Wir können Jugendliche weder zwingen noch überreden, motiviert zu lernen. Leider haben wir aber ein grosses Repertoire, um sie zusätzlich zu demotivieren. Zum Beispiel, indem wir sie bestrafen: Wenn du nicht lernst, nehme ich dir die Spielkonsole weg. Bestechung mit Geschenken ist langfristig ebenfalls keine Lösung. Auch wenn es aus besten Absichten geschieht, erreichen wir nicht das, was für den Jugendlichen wichtig ist, nämlich Verantwortung für sein Lernen zu übernehmen.

Wir kommen nicht drum herum, immer wieder mit unserem Kind zu diskutieren, nach Werten, Zielen und Bedürfnissen zu fragen, es auszuhalten, wenn der Jugendliche anders entscheidet, vertrauen, dass er das Richtige tut. Die Psychologen Jorge und Demian Bucay (Vater und Sohn) sprechen in ihrem sehr empfehlenswerten Buch Eltern und Kinder vom Motivationsmodell: «Wahre Autorität entsteht durch gegenseitiges Vertrauen und gegenseitigen Respekt, nicht durch Zwang, Geschrei und Strafen. Wenn wir kein offenes Ohr für die Argumente und Alternativen haben, die unser Kind vorschlägt, sieht es um die Zukunft unserer Beziehung düster aus.» Sie beschreiben zudem, welche Hilfe Jugendliche auf ihrem letzten Wegstück zum Erwachsenenwerden von den Eltern brauchen, nämlich Unterstützung, Dialog, Rat, Vertrauen, Respekt vor ihren Entscheidungen sowie Toleranz und Verständnis, dass sich die Kinder notwendigerweise von den Eltern distanzieren müssen.

In meinem Berufsalltag halte ich es manchmal für angezeigt, die Frage der Motivation ruhen zu lassen. Denn Persönlichkeit bedeutet soviel mehr als nur der lernende Jugendliche, der er aus irgendeinem Grund gerade nicht sein möchte. Und wir wissen auch nicht, was er je in seinem Leben brauchen wird. Dazu ein interessantes Modell von Paul Costa und Robert McCrae: Big Five der Persönlichkeit. Sie lässt sich in fünf grundlegenden Dimensionen beschreiben:

Offenheit für Erfahrungen. Diese Menschen zeigen ein besonders grosses Interesse an neuen Eindrücken, Erlebnissen und Ideen.
Extraversion bezieht sich vor allem auf das zwischenmenschliche Verhalten, wie gesellig jemand ist, wie aktiv oder optimistisch.
Verträglichkeit zeichnet sich durch den Umgang mit anderen aus, durch hilfsbereites, gutmütiges und entgegenkommendes Handeln, im Gegensatz zu Misstrauen und Egozentrik.
Gewissenhaftigkeit erfasst, mit wie viel Sorgfalt, Effizienz und Pflichtbewusstsein wir eine Sache angehen.
Emotionale Stabilität steht für Gelassenheit und Souveränität.

Jugendliche sind meist offen, neugierig und interessiert, leider aber auch oft überfordert in einer Gesellschaft, in der alles möglich ist. Gemeinsam mit den Jugendlichen sind wir deshalb aufgefordert, immer wieder solche Lern- und Lebenserfahrungen im Dialog zu suchen, sie dabei zu unterstützen, ihnen mit unserem Rat zur Seite zu stehen, gegenseitiges Vertrauen aufzubauen sowie ihre Entscheidungen zu respektieren, solange sie sich nicht selbst gefährden. Gelingt uns das, diese Entwicklungsschritte (Big Five) zu unterstützen, müssen wir keine Angst um die Zukunft unserer Kinder haben. Vor allem, wenn sie offen gegenüber Erfahrungen sind. Denn, wie der Psychologe Luke Smileys dazu sagt: «Menschen, bei denen dieses Persönlichkeitsmerkmal stark ausgeprägt ist, sind lernbegierig, kreativ und fantasievoll.»

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