Erfahrungen und Gedanken aus meinem Lernalltag


Die Gedanken, die Sie hier lesen, sind als buntes Puzzle zu verstehen. Es sind Auszüge aus unzähligen Gesprächen mit Kindern, Jugendlichen, Eltern, Lehrpersonen und Fachleuten. Und es sind Erfahrungen aus meinem Arbeitsalltag.

Vielleicht beantwortet das eine oder andere Thema eine Frage, die Sie gerade beschäftigt.  Das würde mich freuen. Vielleicht tauchen weitere Fragen auf, dann zögern Sie nicht, mir diese zu stellen. In manchen Texten werden Sie durchaus ein Schmunzeln oder Augenzwinkern meinerseits heraushören. Weil ich finde, Menschen und Situationen ernst zu nehmen, schliesst Humor und Glück nicht aus.

Ich wünsche Ihnen viel Spass beim Lesen.

Herzlich
Anita Ganzoni

Die Lernkompetenz richtig einschätzen

Selbsteinschätzung: Das klingt einfach, ist aber höchst anspruchsvoll, wird oft unterschätzt und ist meines Erachtens einer der zentralen Bausteine für effizientes und erfolgreiches Lernen.

Die Verantwortung für das eigene Lernen kann der Jugendliche nur dann übernehmen, wenn er fähig und gewillt ist, sich selbst und den Lernstoff richtig einzuschätzen. Aber wie merke ich, dass ich die Komplexität des Themas erfasst, den Lerninhalt verinnerlicht habe, ihn abrufen und in neue Zusammenhänge stellen kann? Noch dazu unter Zeitdruck? Und was macht es aus, den Stoff einfach nur auswendig zu können oder wirklich zu beherrschen? Obendrein stellt sich eine weitere wichtige Frage: Wie können die Eltern den Jugendlichen auf diesem Weg begleiten?

Die vier Stufen des Lernens
Um Antworten auf diese Fragen zu finden, nehme ich das Modell von Gregory Bateson zur Hilfe, nämlich die vier Stufen des Lernens:  

1. Die unbewusste Inkompetenz
2. Die bewusste Inkompetenz
3. Die bewusste Kompetenz
4. Die unbewusste Kompetenz

Gerne schlüssle ich diese vier Stufen auf und erläutere sie mit Beispielen aus meinem Berufsalltag:

1. Die unbewusste Inkompetenz
Schülerin A ist zuversichtlich, sie berichtet, dass sie das Prüfungsthema verstanden habe. Es sei einfach, sie habe zudem gelernt und rechne mit einer guten Note. Eine Woche später ist die Enttäuschung gross: Das Prüfungsresultat ist ungenügend, sie versteht die Welt nicht mehr.

In dieser Stufe ist der Lernenden nicht bewusst, was sie wirklich wissen müsste. Sie muss intensiv arbeiten, wenn sie ihre Lernsituation verbessern möchte. Anfangs braucht sie wahrscheinlich Unterstützung, um die Komplexität des Stoffes zu erfassen und besser abschätzen zu können. Unter Umständen gilt es, eine allfällige Überforderung zu klären. Bestimmt muss sie auch eine fundierte Basis an (verpasstem) Grundwissen aufbauen. Gelingt dies, wird sie bald Stufe 2 erreichen. Gelingt es nicht, kann sich Resignation oder Widerstand einstellen.

2. Die bewusste Inkompetenz
Bei Schüler B steht eine Prüfung in Französisch an. Er verschafft sich zuerst eine Übersicht zu den Lernzielen. Bereits im Unterricht war ihm bewusst, wo die Herausforderungen liegen, genauso, wie er Neues in bekannte Strukturen und in sein Basiswissen integrieren kann. Er hat aber auch noch Fragen, klärt diese und verschafft sich entsprechendes Übungsmaterial bei der Lehrperson oder im Internet. Vielleicht gibt es spannende Diskussionen mit den Eltern, älteren Geschwistern oder einem Lernpartner aus der Schule.

In dieser Stufe sind die Lernanforderungen klar, offenen Fragen geht der Lernende nach. Er übernimmt altersgemäss Verantwortung für sein Lernen, offensichtlich hat er auch ein Helfersystem (Schule, Eltern, Gleichaltrige) um sich. Dessen Unterstützung nimmt er gerne an. Um Sicherheiten aufzubauen, muss er die anspruchsvollen Inhalte gut automatisieren, damit er dieses Wissen verlässlich und langfristig abrufen kann. Zudem verliert er seine Energie nicht im Widerstand, im Sinne von: Es ist sowieso langweilig, das werde ich in meinem Leben eh nie brauchen. Stattdessen lässt er sich darauf ein.

3. Die bewusste Kompetenz
Schülerin C bereitet sich auf einen Grammatiktest in Deutsch vor. Das Thema hat sie gut verstanden, bereits im Unterricht hat sie wichtige Begriffe abgespeichert und zugeordnet, Neues mit ihrem Basiswissen verknüpft. Die Übungsgelegenheiten hat sie genutzt, die Stolpersteine beiseite geräumt. Das Thema fasziniert sie inzwischen, sie erkennt die Logik dahinter und macht Querverbindungen zu den Fremdsprachen.

In dieser Stufe beherrscht die Lernende den Stoff. Mit Konzentration und unter guten Bedingungen kann sie mit ihrem Wissen gute Resultate erzielen. Sie lernt weitgehend autonom.

4. Die unbewusste Kompetenz
Schüler D hält einen Vortrag zum Thema «Flüchtlinge in Europa». Mit dieser Fragestellung hat er sich schon seit einiger Zeit auseinandergesetzt, er interessiert sich für die Diskussionen darüber. Er beginnt frühzeitig mit der Arbeit, denn ihm ist bewusst, wie anspruchsvoll der Inhalt ist. Je mehr er recherchiert, desto faszinierter ist er von der Komplexität des Themas – zugleich berührt es ihn. Trotz anfänglicher Nervosität während des Vortrags beantwortet er jede Frage souverän. Die Zeit erschien ihm viel zu kurz, es gäbe noch so viel zu sagen. Vom Publikum erhält er positive Rückmeldungen, sowohl das Wissen darüber als auch die Begeisterung seien deutlich spürbar gewesen.

In dieser Stufe hat der Lernende den Stoff verinnerlicht, er steht ihm jederzeit zur Verfügung und er kann weitere Informationen damit verknüpfen, obendrein sein Wissen stetig erweitern. Sie ahnen es, hier wird es so richtig interessant. Egal, ob in Schule, Beruf oder Freizeit, ob Jugendliche oder Erwachsene: Diese Menschen strahlen eine Leichtigkeit aus, bei dem, was sie tun. Ihre Fähigkeiten sind so automatisiert, dass sie auf veränderte Situationen flexibel reagieren können, sie finden das sogar spannend.

Selbstverständlich hat jeder Lernende das Recht, sich in jener Lernstufe zu bewegen, die für ihn im Moment passt. Wichtig ist einfach, dass ihm bewusst ist, wofür er sich entscheidet respektive wo er steht und dass es nicht dabei bleiben muss. Gerade in Stufe 1 und 2. Besprechen Sie doch beim nächsten Mal das Thema Selbsteinschätzung mit Ihrem Sohn oder Ihrer Tochter eine Woche vor der Prüfung. Und diskutieren Sie danach die Übereinstimmung von Einschätzung und Resultat. Selbsteinschätzung ist aber nicht nur eine Herausforderung für lernende Jugendliche, auch wir Erwachsene sind damit immer wieder konfrontiert. Was auf dem Weg in die Stufe 3 und 4 sicher hilft, ist dieser Satz aus einem Buch von Peter Gasser: «Der Weg vom Laien- zum Expertengedächtnis führt übers Üben und Lernen – mit Freude und Frust, mit Hoffnung und Ausdauer, mit Misserfolgen und Erfolgen».

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