Erfahrungen und Gedanken aus meinem Lernalltag


Die Gedanken, die Sie hier lesen, sind als buntes Puzzle zu verstehen. Es sind Auszüge aus unzähligen Gesprächen mit Kindern, Jugendlichen, Eltern, Lehrpersonen und Fachleuten. Und es sind Erfahrungen aus meinem Arbeitsalltag.

Vielleicht beantwortet das eine oder andere Thema eine Frage, die Sie gerade beschäftigt.  Das würde mich freuen. Vielleicht tauchen weitere Fragen auf, dann zögern Sie nicht, mir diese zu stellen. In manchen Texten werden Sie durchaus ein Schmunzeln oder Augenzwinkern meinerseits heraushören. Weil ich finde, Menschen und Situationen ernst zu nehmen, schliesst Humor und Glück nicht aus.

Ich wünsche Ihnen viel Spass beim Lesen.

Herzlich
Anita Ganzoni

Die Spitze des Eisbergs: Prüfungsangst

Wer kennt sie nicht, die Angst, im entscheidenden Moment zu versagen? Aber was noch viel mehr interessiert: Wie lässt sich die Prüfungsangst reduzieren?

Manche nehmen Prüfungen wie routinierte Sportler: Sie fokussieren sich im Unterricht auf das Wesentliche, bereiten sich seriös vor und können in der Testsituation Bestleistung zeigen, in dem sie ihr Wissen abrufen, der Situation anpassen und auf neue Fragestellungen übertragen. Für andere ist es der blanke Horror: Schon in der Vorbereitungszeit nagen Selbstzweifel an ihnen, sie können kaum mehr essen, schlafen schlecht. In der Prüfungssituation haben sie Schweissausbrüche, atmen flach und der Zugang zu ihrem Wissen ist blockiert.

Die verschiedenen Typen
Kommt ein Lernender mit Prüfungsangst zu mir, stelle ich mir folgende Frage: Um welchen Teil des Eisbergs handelt es sich? Ist es die von weitem sichtbare Spitze, die leicht zu erklären und verbessern ist? Ich nenne sie den Typ A. Oder geht es tiefer, nämlich um jenen Teil, der unter dem Meeresspiegel liegt und sorgfältig ergründet werden muss? Das sind für mich die Typen B und C.

Typ A verdrängt
Typ A ist der Lernende, der sich während des Unterrichts mit seinen Mitschülern bestens unterhält und deshalb wenig Informationen aufnimmt, schon gar nicht verarbeitet. Seine Hefteinträge sind ungenau und unvollständig, selbst er kann sie kaum entziffern. Er kennt seit längerer Zeit das Prüfungsdatum, hat dieses Wissen aber verdrängt, erst am Vorabend kommt die Panik auf. Obwohl er noch drei Stunden paukt, ist das Resultat ungenügend. Diese Situation lässt sich durch bestimmte Lerntechniken schnell verbessern, wie Motivation fördern, Zeit und Inhalt planen, Wichtiges schriftlich festhalten etc. Allerdings gelingt dies nur, wenn Typ A gewillt ist, zu handeln.

Typ B ist überfordert
Es kann aber auch sein, dass die Prüfungsangst viel tiefer geht, dort, wo Selbstbewusstsein, Erwartungen oder Selbstwirksamkeit eine zentrale Rolle spielen. Diese Form der Angst muss ergründet werden, die Ursachen können vielseitig sein. Auf jeden Fall zeichnet sich Typ B darin ab, indem er überfordert ist. Und zwar in einem oder mehreren der folgenden Bereiche: Der Lernende ist in seiner Entwicklung noch nicht so weit, es geht ihm zu schnell. Auf intellektueller Ebene: Es wird von ihm etwas verlangt, was er (jetzt) nicht bringen kann. Bei psychosozialem Druck: Der Lernende und/oder sein soziales Umfeld erwarten von ihm Leistungen, die er (im Moment) nicht bringen kann. Oft sind es «Berufskarrieren», die schon in der Primarstufe enormen Druck verursachen. Schliesslich muss doch das kleine Mädchen, das davon träumt, Tierärztin zu werden, eine Matura machen! Der Junge, der sich als Anwalt sieht, muss Höchstleistung bringen. Auch Familienskripts - ausgesprochen oder nicht - können Druck ausüben: Bei uns in der Familie studiert man…

Typ C scheitert am Druck
Der Lernende ist pflichtbewusst, gut organisiert und lerntechnisch perfekt: Er macht sich Notizen, ist interessiert, stellt Fragen, geht in die Tiefe, schreibt Zusammenfassungen - und doch genügt es nie. Das Gefühl, «ich beherrsche den Stoff», wird durch Selbstzweifel und Ohnmacht verdrängt. Der Lernende geht perfekt vorbereitet an die Prüfung, kann aber nur einen Bruchteil dessen zeigen, was ihm an Wissen und Verständnis zur Verfügung steht. Die Angst zu versagen, hat ihn im entscheidenden Moment eingeholt.

Diese Typbeschreibungen dienen lediglich der groben Einordnung, letztlich ist jeder Einzelfall anders und individuell. Unabhängig von Typ oder Form der Prüfungsangst empfehle ich den Betroffenen und ihren Angehörigen, sich zu folgenden Punkten Gedanken zu machen:

- Die Angst annehmen: Sie kann durchaus zu Höchstleistung führen.
- Prüfungsangst verstehen: Was geschieht im seelischen, körperlichen, geistigen Bereich?
- Sich selbst richtig einschätzen: Wie beurteilen wir die Anforderungen und wie unsere eigenen Fähigkeiten?
- Negative Gedanken durchbrechen: Prüfungsangst entsteht in unseren Köpfen.
- Gut vorbereiten: Das beste Mittel gegen Prüfungsangst!
- Die Einstellung ändern: Wovor habe ich eigentlich Angst?
- Der Angst auf den Grund gehen: Die Gedanken aufschreiben.
- Übertriebene Erwartungen abbauen: Von wem kommen die Erwartungen?
- Aus Erfolgen lernen: Was habe ich gut gemacht?
- Die Bedeutung der Prüfung hinterfragen: Wie wichtig ist sie für mein Leben?
- Den schlimmsten Fall durchspielen: Meist wird klar, dass es auch andere gute Wege gibt.

Diese Gedanken entspringen folgender Lektüre: «Das grosse Buch der Lerntechniken», Compact Verlag.

Meine Gedanken obendrein: Erfolg macht erfolgreich, kleine autonome Schritte können der Weg dazu sein. Überforderung und Druck haben dabei allerdings noch nie geholfen.

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